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Dienstag, 21. November 2017
Hermannslauf 2004

Mein Hermannslauf am 25.04.2004

Da ich in Ostwestfalen wohne, war es für mich Pflicht, beim Hermannslauf einmal mitzulaufen. 30,6 KM auf dem Kamm des Teuteburger Waldes vom Detmolder Hermannsdenkmal bis zur Bielefelder Sparrenburg. 710 Höhenmeter runter und 515 Meter rauf über Stock und Stein, Sand, Kopfsteinpflaster, Beton, Asphalt und auf was man sonst noch alles laufen kann. Es fehlt eigentlich nur noch ein Abschnitt auf dem Laufband, um beim Hermann jeden Untergrund einmal an den Fußsohlen erlebt zu haben.

Nach zwei vorherigen Absagen aus Krankheitsgründen war es zwar mein erster Hermann, aber das Ziel war nicht Ankommen – ist es das nicht immer ? – nein, ich wollte gerne unter 2:30 Std. laufen.

Morgens um halb Neun kam mein Laufpartner mit 3 weiteren Läufern vom Laufspaß Sende pünktlich bei mir zuhause vorbei. Nudeln am Vorabend und 2 Schnitten Weißbrot mit Honig am Morgen sowie ca. 200 Trainingskilometer pro Monat seit Oktober in den Beinen waren meine Vorbereitung. Die Sender Laufgruppe mit ihren lustigen lilafarbenen Sternchentrikots hatten einen Bus ab Sende gechartert, der uns direkt zum Hermannsdenkmal bringen würde. Auch Gäste wie ich waren gern gesehen. Vielen Dank noch einmal an die Sender Laufspäßer!

Schon im Auto wurde gefachsimpelt: alle Kollegen außer meinem Laufpartner und mir hatten bereits Hermannerfahrung, die sie natürlich gerne mit uns teilen wollten. Die Tipps waren allerdings teilweise recht abstrus und wohl auch nicht alle Ernst gemeint. Erst nachdem wir mitgeteilt hatten, dass wir um die 2:30 Std. anpeilten, kam etwas Ruhe auf.

Im Bus waren dann auch Giesela Steinbeck (Glückwunsch zum 3. Platz bei den Damen!) und ein alter Bekannter aus Tischtenniszeiten. Trotzdem legte sich die Nervosität kaum. Aber das ist wohl normal. Viel zu früh waren wir am Hermannsdenkmal, aber immerhin war das Wetter nach meinem Geschmack: sonnig und Tendenz zu knapp 20 Grad.

Endlich gegen halb Elf hieß es bei den „erfahrenen“ Kollegen: „wir können uns jetzt warm machen“. Also suchten wir uns ein sonniges Plätzchen abseits des Parkplatzes, um alle überflüssigen Sachen im Kleiderbeutel zu verstauen. Uns gegenüber machten sich „Die Unbestechlichen“ warm. Da ich seit Tagen alle Zeitungsartikel zum Hermann verschlungen hatte, wusste ich natürlich sofort, welche Ehre mir zu Teil wurde. Mit der Startnummer 160 war ich als Frühanmelder enttarnt. Mir war es egal, da 16 sowieso meine Lieblingszahl ist.

Und dann war es schließlich zwanzig vor elf und auf den Kommentar meines Laufpartners, dass doch bis halb elf die Kleiderbeutel abgegeben werden müssten, ernteten wir nur ein müdes Lächeln unserer erfahrenen Hasen. Stimmte auch: die Beutel wurden wir ohne Probleme los. Noch eine kurze Runde durch den Wald und endlich ging es zum Startbereich.

Ja, der Start. Eine weitere Sache, die mich schon seit Tagen in Atem hielt. Die Startgruppe A sollte um 11:00 Uhr starten, die Gruppe B 5 Minuten später. Und wir – so ohne jegliche Erfahrung und ohne alte Hermannszeit – in der letzten Gruppe C um 11:15 Uhr zusammen mit den Walkern. Aber auch hier gab es vorher zahlreiche Tipps: erst in den Block C gehen, anschließend in den Wald zum Pinkeln und dann locker in die B-Gruppe wieder einordnen. Der Hinweis, dass ein solches Tun in den Unterlagen mit Disqualifikation bestraft würde, brachte uns ein weiteres müdes Lächeln der alten Hasen ein. Aber mein Laufpartner und ich wollten hier nichts dem Zufall überlassen. Nach dem Motto „Ehrlich währt am Längsten“ blieben wir brav in der letzten Startgruppe. Allerdings hatten wir uns hier ziemlich nach vorne gedrängelt.

Pünktlich um 11:00 Uhr ertönte der Startschuß für die Profis. Gesehen haben wir bei ca. 7.000 Teilnehmern nichts davon. Gruppe B rückte vor und wurde 5 Minuten später ebenfalls auf die Reise geschickt. Die ganz Aufgeregten in Gruppe C drängten sofort hinterher und auch ich überlegte kurz, ob ich nicht einfach hinterherlaufen sollte. Aber irgendjemand schrie dann doch, dass die Gruppe C stehen bleiben solle und so geschah es dann auch. Endlich um 11:15 Uhr der Start. Die letzten 10 Sekunden mitgezählt, einem Arbeitskollegen, den ich beim Start traf, noch viel Glück gewünscht und los ging’s.

Ein ganz wichtiger Tipp lautet: auf den ersten Kilometern nicht zu schnell! Das ist besonders verlockend, da es erst einmal stark bergab geht. Mir war’s egal. Ich wollte nur weg von der 3. Startgruppe, da ich noch genug zu Überholende vor mir hatte. Also legten mein Laufpartner und ich die ersten 3 Kilometer locker in knapp 12 Minuten zurück. Zwar gaben wir uns gelegentlich gegenseitig die Anweisung: „nicht zu schnell!“, aber gejuckt hat es uns nicht. Mit uns liefen weitere Ambitionierte. Alleine war ich auf der ganzen Strecke niemals. Immer schön im Pulk.

Beim ersten Anstieg zum Ehberg wurden wir aber doch etwas vernünftiger und drosselten den Puls. Die ersten Läufer aus der 2. Gruppe hatten wir inzwischen eingeholt und das fühlte sich ganz gut an. Ich hatte den Ehberg bereits einmal nach 2 Stunden vorheriger Laufzeit bezwungen und war anschließend einem Exitus nahe, aber heute nach nur 7 KM lief es wesentlich besser und der Berg kam mir mehr als kleiner Hügel vor. Mit dem Rechner im Internet (www.hermannslauf.de) hatte ich mir hier meine erste Zwischenzeit gemerkt: 33 Minuten. Und meine Uhr zeigte erst 31 Minuten! Das erste Mal Glücksgefühle pur! Allerdings fühlten sich meine Beine etwas schwer an und ich dachte: „das Ganze noch drei Mal: wie soll das denn gehen?“. Aber egal, weiter ging’s.

Spätestens ab hier habe ich eigentlich nur noch überholt, was auch mehr oder weniger gut ging. Die meisten Läufer merken es, wenn man mit Schwung von hinten kommt und lassen einen auch sofort vorbei. Manchmal musste ich trotzdem auf den Randstreifen oder in den Sand ausweichen, aber auch das gehört zum Hermann wohl dazu. Ok, der eine oder andere hat mich natürlich auch überholt, aber insgesamt muß ich auf den 30,6 Kilometern wohl mehr als 2.000 Läuferinnen und Läufer überholt haben.

An der zweiten Verpflegungsstation an der Panzerbrücke haben mein Laufpartner und ich uns aus den Augen verloren. Ich war wohl doch ein wenig schneller, aber wir hatten ohnehin vereinbart, dass wir nicht „auf Teufel komm raus“ zusammen laufen wollten. Bei einem Berglauf gibt es sowieso keinen gemeinsamen Rhythmus. Der eine läuft schneller hoch, der andere lieber flott runter.

Die nächste Herausforderung stand unmittelbar bevor: der Tönsberg. Eine ziemlich brutale Steigung über ca. 500 Meter. Aber wir hatten uns vorbereitet. Noch eine knappe Woche vorher sind wir den Tönsberg dreimal hoch gelaufen. Besser gesagt, einmal gelaufen, einmal gegangen und einmal die flacheren Stücke gelaufen und die steileren – besonders das letzte Stück – gegangen. Akribisch hatten wir die Zeiten verglichen, um zu gucken, wie viel Zeit man verliert, wenn man nicht komplett läuft. Die beste Taktik schien die gemischte zu sein. Und daran habe mich dann auch gehalten.

Oben auf dem Tönsberg hatte ich mir meine zweite Zwischenzeit gemerkt: 1:20 Std. an der Schutzhütte. Hier kannte ich mich nicht aus, aber nach wenigen Metern erschien eine Hütte auf der linken Seite. Sah zwar mehr wie eine Grillhütte aus, aber meine Uhr zeigte sensationelle 1:15 Std. 5 Minuten schneller als geplant und ich fühlte mich super! Allerdings nur 4 Minuten lang. Dann kam nämlich die richtige Schutzhütte um meine Euphorie verflog kurzfristig. Aber egal, immer noch eine Minute schneller als notwendig.

Eigentlich habe ich den Lauf ab diesem Zeitpunkt nur noch genossen. Damit meine ich nicht, dass ich nebenbei Blümchen gepflückt habe, aber ab da kam ich mir teilweise vor, als würde ich schweben. Ich bin gelaufen und gelaufen, runter, rauf und wieder runter.

Ein echtes Highlight war natürlich der Durchlauf durch Oerlinghausen. Die Zuschauer standen Spalier und jubelten uns zu. Der Kopfsteinpflasterbelag ist zwar in Verbindung mit dem Gefälle etwas unangenehm, aber bei dem guten Wetter bestand zumindest keine Rutschgefahr. Überhaupt muß ich den Zuschauern auf der ganzen Strecke ein dickes und sensationelles Lob aussprechen. Nicht unbeteiligt, sondern begeistert, engagiert und mit viel Unterstützung haben sie uns angefeuert und somit sicherlich so manchen Durchhänger ausgebügelt und die eine oder andere Minute aus uns Läufern herausgeholt. Auch bekannte Gesichter an der Strecke von Nachbarn, Freunden oder Kollegen zu sehen, motiviert ungemein.

Schließlich kam ich an die Lämmershagener Treppen. Die kannte ich bereits aus früheren Trainingsläufen und war mir noch ganz im Klaren, ob Gehen oder Laufen das richtige Rezept wäre. Aber bei meiner Tagesform gab es nur eine Wahl: Laufen! Auf der schmalen Treppe gingen viele Läufer rechts und links wurde gelaufen. Und hier habe ich mich dann doch noch aufgeregt. Vor mir lief ein Läufer – zwar etwas langsamer als ich, aber immerhin lief er. Bis er dann nach ca. 5 Stufen einfach stehen blieb und ich voll in ihn hineinlief. Passiert ist nichts und ich weiß, dass es nicht ganz fair ist, einen Hermannsläufer nach knapp 23 Kilometern zu beschimpfen. Aber meine Worte auf der Treppe werde ich hier nicht zitieren.

Am Eisernen Anton hatte ich mir meine letzte Zwischenzeit gemerkt: 1:58 Std. und meine Uhr zeigte 1:59. Oder war es doch die Zeit am Funkturm ein paar Meter vorher gewesen? Egal, ab jetzt ging es laut Streckenprofil im wesentlichen nur noch runter und das liegt mir. Also Gas! Wer die Strecke kennt, weiß, dass es auch hier noch ein paar kleine fiese Steigungen gibt. Am Ende einer solchen Steigung standen ein paar wenige Zuschauer und feuerten die Läufer an. Das was so cool, dass ich mir vorgenommen habe, dass ich, sollte ich jeh als Zuschauer am Hermannslauf teilnehmen, mich genau dort aufstellen werde.

Die letzte zwei, drei Kilometer hatte mein Schwebezustand etwas nachgelassen. Die rechte Kniebeuge zwickte ein wenig und unter dem rechten Fuß hatte ich eine kleine Blase bekommen. Aber das machte mir nun auch nichts mehr aus. Schließlich war die Promenade in Bielefeld erreicht. Die Zuschauer standen hier dicht an dicht und wahre Glücksgefühle überschwemmten mich. Monatelanges Training hatten mein Ziel wahr werden lassen. Ich lief die letzten Meter die Arme hoch erhoben. Kurz vor dem Zieldurchlauf jubelten meine Bekannten mir zu und auch meine Frau und unsere beiden Töchter riefen meinen Namen. 2:26:28 Std! Am Ende hieß dies einen sehr guten Platz 603 von knapp 5.500 gewerteten Teilnehmern.

Eigentlich wollte ich den Hermann nur einmal laufen. In Ostwestfalen wird man halt als Läufer nicht als erstes nach seiner Marathonzeit sondern nach der Hermannszeit gefragt. Aber sicherheitshalber habe ich mir den Termin für 2005 schon einmal im Kalender eingetragen. Im Herbst geht’s aber erst einmal nach Berlin, um dann auch endlich den ersten Marathon zu laufen. Und außerdem gibt’s noch ein paar Ziele für dieses Jahr: 10 KM unter 40 Minuten und einen Halbmarathon unter 1:30 Std. Hoffentlich halten die Knochen. Gestern bin ich auf jeden Fall erst einmal mit dem kleinen Zeh an unserer Wohnzimmertür hängen geblieben. Schmerzt zur Zeit höllisch. Wenn ich mir vorstelle, das wäre mir eine gute Woche eher passiert...

Gut Lauf euch allen!

Axel Mattern

 
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