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Dienstag, 26. September 2017
Rose Marathon 2005

Laufbericht vom Rose Marathon am 05.06.2005

Nachdem ich meinen ersten Marathon in Berlin 2004 gemäß aller Lehrbücher nur auf „Ankommen“ gelaufen bin, sollte der Rose Marathon in Minden nun mein erster echter Lauf über die historische Distanz werden. Mit einen 10-Wochen Trainingsplan für eine 3:15-Std. Endzeit und Wochenumfängen zwischen 70 bis 80 km hatte ich mich vorbereitet.

Am 05.06.2005 war es dann soweit. Nachdem eine Woche vorher noch über 30 Grad Celsius geherrscht hatten, war es merklich kühler geworden. Leider auch regnerischer. Beim Start um 9:00 Uhr waren es schlappe 13 Grad und es regnete. Die Temperatur war ok, Regen mag ich beim Laufen nicht so sehr. Neben mir startete noch Kajo Brinktrine von meinem Heimatverein Laufspass SW Sende. Er hatte mir sogar ein Sternchenleibchen mitgebracht, so dass ich im unverwechselbaren lila Sternelook der Laufspässer auf die 42,195 km Runde gehen konnte.

Von der Strecke wusste ich nicht viel. Wenig Steigungen und viel an der Weser entlang. Mehr eigentlich nicht. Und so ist es dann auch. Entweder läuft man durch Ortschaften – zum großen Teil durch Minden – oder auf asphaltierten Rad- und Wanderwegen durch grüne Wiesen. An einigen Stellen hat man einen schönen Ausblick, zum Beispiel auf das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, aber durch das regnerische und diesige Wetter präsentierte sich die Landschaft nicht von ihrer besten Seite. Die Steigungen und anschließende Gefälle reduzieren sich auf vielleicht 5 bis 6 kurze Brücken (über die Weser und die Autobahn) und ein bis zwei Geländemulden. Alles in allem nicht nennenswert, zumal wenn man 6 Wochen vorher den Hermannslauf absolviert hat.

Meine Taktik bestand darin, einen 4:30 Minutenschnitt möglichst lange durchzuhalten und mich anschließend ins Ziel zu kämpfen. Offiziell wollte ich ja nur unter 3:30 Stunden bleiben, aber insgeheim konnte es natürlich schon ein bisschen schneller sein. Also pendelte ich mich bei einem 150er-Puls ein und rannte so vor mich hin.

Nach ca. 5 km hatte ich eine Gruppe gefunden, die ein ideales Tempo lief. Konstanter 4:30er Schnitt. Wir waren meistens zu siebt, manchmal auch etwas mehr Läufer und das war speziell bei dem Wind und dem immer wieder aufkommenden Regen ideal. An der Führungsarbeit habe ich mich nicht so sehr beteiligt, aber es war ja auch erst mein zweiter Marathon. Da das Feld nur insgesamt etwas über 650 Läufer umfasste, war auch die Begeisterung bei den Zuschauern größer, wenn wir als Gruppe auftauchten.

Die Zuschauer: Minden ist ein Landschaftsmarathon. Und das bedeutet, dass man 95% der Strecke unter Ausschluss der Öffentlichkeit läuft. Größere Zuschauergruppen gibt es eigentlich nur in Minden, in den Ortschaften und an den Verpflegungsstationen. Hier ist die Begeisterung allerdings riesig. Ein paar ganz Gewiefte machten sich einen Spaß daraus, die Läufer anhand der Startnummern zu identifizieren und dann mit ihrem Namen anzufeuern. Als ich meine Vornamen das erste Mal hörte, dachte ich noch, dass sich irgendwelche Bekannten nach Minden verlaufen hätten, aber später durchschaute ich das Prinzip. Die Kinder hatten sich etwas vor den Zuschauergruppen positioniert und brüllten anschließend die Startnummer zur Gruppe. Dort wurde schnell der Vorname anhand der Teilnehmerliste ermittelt und wie ein Lauffeuer verbreitet. Wenn die Läufer dann die Zuschauer erreichten, wurden Sie mit ihren Vornamen angefeuert. Das hilft natürlich ungemein.

Ich weiß die Kilometerzahl nicht mehr ganz genau, aber so um KM 28 konnte ich das Tempo der Gruppe nicht mehr mitgehen. An den zahlreichen Verpflegungsstationen – ab KM 10 gibt es alle 2,5 KM Getränke – bin ich teilweise etwas zurückgefallen, da ich im Laufen nur sehr schlecht trinken kann. Aber die kurzen Abstände konnte ich zunächst immer wieder aufholen. Nachdem bereits 2 Läufer wegen Krämpfen und anderer Gründe zurückgefallen waren, erwischte es mich als nächsten. Meine nachlassenden Kräfte verbunden mit einer minimalen Tempoverschärfung der Gruppe ließen die Lücke immer größer werden. Im Ziel habe ich erfahren, dass die Gruppe schließlich ganz auseinander gefallen ist. Der schnellste Läufer benötigte respektable 3:07 Std.

Das bedeutete, dass ich also ab KM 28 alleine laufen musste – und zwar ganz alleine! So gut wie niemand kam von hinten und die wenigen Läufer, die ich einholte, konnten das Tempo nicht mehr mitgehen. Und spätestens hier wird der Unterschied zu einem großen Stadtmarathon sehr deutlich. In Berlin standen auf der ganzen Strecke Zuschauer und man war ständig von anderen Läufern umgeben. Langeweile kam so nie auf. Die Massen, die nach meinem Geschmack in Berlin zu viel am Start sind, fehlen bei so einem kleinen Marathon – speziell auf den letzten Kilometern.

Also begann der Kampf für mich nach gut 28 KM. Viel zu früh, um das Selbstbewusstsein für die letzten Kilometer zu stärken. Ich versuchte möglichst locker zu bleiben, um keine Krämpfe zu bekommen und das Tempo noch so halbwegs zu halten. Allerdings wurde dies immer zweitrangiger. Die Kilometerzeiten haben mich nicht mehr interessiert. Nur noch halbwegs heile Ankommen lautete die Devise. Zum Teil lautete Sie auch nur: überhaupt noch Ankommen!

An das Schild bei KM 35 kann ich mich noch gut erinnern. Es kam zwar vollkommen unspektakulär daher, ohne Spruch wegen des Mannes mit dem Hammer. Aber ich horchte hier noch einmal intensiver in mich hinein. Nein, der Mann mit dem Hammer war nicht da. Eher schon der Mann mit der Säge, der Stück für Stück von meiner Kraft, meiner Motivation und dem Willen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, abschnitt. Der Rest war nur noch Kampf. Mir vielen die Motivationssprüche aus den Laufbüchern und Zeitschriften ein: der Körper kann noch, es ist der Kopf, der nicht mehr will. Aber mein Kopf wollte eigentlich noch, der Körper machte hier ganz klar schlapp.

Erstaunlicherweise lag ich immer noch ganz gut in der Zeit. Die Halbmarathonzeit hatte knapp unter 1:35 Std. gelegen, so dass ich bei idealem Rennverlauf – und besserer Vorbereitung – auf eine Zeit knapp unter 3:10 Std. hätte hoffen können. Aber selbst bei einem 5-er Schnitt, den ich mir nun einbildete zu laufen, würde ich noch unter 3:15 Std. ankommen.

Jeden einzelnen Kilometer habe ich am Ende gezählt. Und nachdem ich das Schild gesehen hatte, z.B. bei KM 37, wusste ich schon kurze Zeit später nicht mehr, ob es 36 oder 38 war. Auch die Zuschauer und die Laufstrecke habe ich auf den letzten Kilometern nicht mehr wahrgenommen. Auf das letzte Powergel verzichtete ich ebenfalls, da mein Magen sich nun auch noch durch leichtes Unwohlsein bemerkbar machte.

Ein Höhepunkt ist mir noch in Erinnerung geblieben: nachdem ich kurz hinter einer Kurve einsam und alleine auf eine Wegkreuzung zulief, gab es keine Markierungen und auch keine Streckenposten. Die wahrscheinlichste, allerdings auch anstrengendste Variante war wohl die Brücke über die Weser hoch zu laufen, aber auch links und rechts gingen Abzweigungen ab. Ohne zu Zögern lief ich also hoch und dankbar erkannte ich nach einigen Metern, dass irgendjemand einen motivierende Spruch auf die Strasse geschrieben hatte: „Lauf Kalle!“ Hier war ich richtig. Dank an Kalles Fans.

Und endlich, endlich erreichte ich das Weserstadion. Nun noch eine knappe Runde und alle Quälerei würde ein Ende finden. Beflügelt von dieser Aussicht und katapultiert durch die angenehm federnde Tartanbahn nach 42 Km Asphalttreterei schleppte ich mich ins Ziel. Dumpf vernahm ich den Stadionsprecher meinen Namen und Verein nennen. Ein müdes Lächeln beim Piepen der Zielmatte und es war geschafft. Für die obligatorische Finisher-Medallie konnte ich mich kaum noch runterbeugen.

Und nun Euphorie pur? Die Leistung musste gut sein. Welche Zeit habe ich eigentlich? Ich hatte vergessen die Uhr zu stoppen. Ich hatte auch vergessen mich zu freuen. Ich war erst mal fertig!

Viele Läufer waren noch nicht im Zielbereich. Später sollte ich erfahren, dass es genau 46 waren: 44 Männer und 2 Frauen. Also war die Verpflegungsaufnahme kein Problem. Da der Tee zu heiß war, trank ich erst mal ein paar Becher Mineralwasser. Und das half. Schlagartig erwachte ich wieder halbwegs zum Leben. Hatte ich zuvor zu wenig getrunken? Schwer zu sagen, da mein Magen am Ende schon fast bei jeden Schluck rebellierte.

Und nun doch noch mal der Blick auf die Uhr. Gestoppt hatte ich sie kurz vor 3:15 Std. Eine halbe Minute abziehen musste ungefähr meine Einlaufzeit ergeben. Ziel erreicht. Unter 3:15 Std. Super! Am Ende waren es genau 3:14:17 Std., die ich für die 42,195 KM benötigte. Die zweite Hälfte war also gut 4 Minuten langsamer als die erste gewesen, aber ohne Uhr und nur nach Gefühl hätte ich eher auf eine halbe Stunde Differenz getippt.

Da ich durch die zahlreichen Schauer pitschnass war, ging ich erst einmal zu meinem Auto, um mir warme Sachen anzuziehen. Und auf dem kurzen Weg zum Wagen stellte es sich ein: das großartige Gefühl, einen langen Lauf in respektabler Zeit bewältigt zu haben. So sollte sich ein Marathon anfühlen.

Der Bericht sollte nicht beendet werden ohne den Veranstaltern und Organisatoren des Rose Marathons in Minden ein Riesenlob auszusprechen. Sicherlich profitieren die Veranstalter von der relativ kleinen Starterzahl. Aber dieser Marathon ist so perfekt organisiert, dass er ohne Probleme ein Vielfaches der Läufermenge verkraften könnte. Echte Highlights sind die hervorragende Versorgung der Läufer und der Zielbereich mit Rahmenprogramm im Mindener Weserstadion.

Gut Lauf euch allen!

Axel Mattern

 
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