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Dienstag, 26. September 2017
28. GutsMuths-Rennsteiglauf 2000

 

Rückblick eines "Ersttäters" - von Gisbert Bärenfänger

Wie alles begann! 


Neugierig geworden aufgrund von Reportagen und Erzählungen anderer Läufer kam irgendwann mal der Gedanke, mich auch mal an einer etwas längeren Strecke zu versuchen. Vorsichtig habe ich dann mal bei Martin angefragt, ob er mir zutrauen würde, die lange Strecke am Rennsteig durchzulaufen - "Ja, das kannst du schaffen, wenn du von dem Lauf keinen Wettkampf machst. Wenn du willst, laufe ich mit dir zusammen und begleite dich." Es gab jedoch auch weniger optimistische Reaktionen auf mein Vorhaben - "Bist du verrückt ? 76 KM - das mach ich nicht mal mit dem Fahrrad! ° Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Ich glaube, da würde mir der Hintern ganz schön weh tun. Und so stand der Entschluß dann fest: wir laufen ! So schwierig ist die Vorbereitung nun auch nicht - - Anmeldung ausfüllen, Scheck ausstellen - beides abschicken - Anmeldebestätigung abwarten - und dann ...... - lange langsame Laufeinheiten machen 19. Mai 2000, Vorabend des Laufs Ich bin die Ruhe selbst - was den eigentlichen Lauf betrifft. Von wo und wann der Bus nach Eisenach startet, macht mir mehr Sorgen und daß ich vielleicht etwas vergessen haben könnte, was die Ausrüstung betrifft. Diese lege ich mir nach dem Abendessen zurecht. 20. Mai 2000 Gegen 2:00 Uhr rappelt der Wecker, es regnet. Kurz vor 3:00 Uhr gibt es an der Rezeption ein so üppiges Frühstückspaket, als sollten wir am Rennsteig Bäume fällen, statt zu laufen. Kurz nach 3:00 Uhr - es regnet nicht mehr - geht es zur Bushaltestelle, wo bereits einige andere schon stehen, die auch nicht mehr schlafen können. Der Bus kommt sehr pünktlich und erreicht Eisenach schon nach 1 Std. Fahrtzeit um 4:30 Uhr - es regnet wieder. Die Zeit bis zum Start um 6:00 Uhr vergeht eigentlich sehr schnell: - Startunterlagen abholen - umziehen - Rucksack packen - Schlange stehen vor dem blauen Dixi-Häuschen - Lockerungsübungen bei flotter Musik mit dem "Anton aus Tirol" . Kurz vor 6:00 Uhr gibt es den letzten aktuellen Wetterbericht: 2° und Schneeregen in Schmücke - aber hier ist Eisenach und Schmücke weit weg und der Regen hat aufgehört. Wir wünschen uns gegenseitig noch schnell " Alles Gute" und "Heile ankommen", dann fällt der Startschuß - und los geht es für fast 1000 Teilnehmer durch die Fußgängerzone raus aus der Stadt. Nach gut 3 Km sanft ansteigenden Waldwegen kommen wir plötzlich auf eine Lichtung und sehen hinter uns auf die Dächer von Eisenach. Es regnet wieder leicht. Egal ! Weiter geht es auf geschwungenen leicht steigenden Feldwegen, vorbei an ständig wechselnden Panoramen. Wieviel schöner muß das hier bei Sonnenschein sein ! Das 10 KM-Schild passieren wir nach 1:11 Std. und befinden uns jetzt auf gut 500 m Höhe. Eisenach liegt ca. 200 m hoch. Weiter geht es durch herrliche Landschaften. Die 2. Verpflegungsstelle, nach ca. 18,5 KM, wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben. Dort gibt es neben diversen Getränken die ersten belegten Brote sowie Haferschleim, von dem nur schon so viel vorgeschwärmt worden ist. Zum Testen nehme ich eine Scheibe Brot mit Margarine und frischem Schnittlauch und einen Becher Schleim pur. Die volkstümliche Musik am Stand gibt dem Ganzen irgendwas Gemütliches. Bloß weg hier ! Aber vorher noch schnell ein Foto gemacht und einen Schluck Tee getrunken - weiter geht's. 20 KM - wir sind 2:25 Std. unterwegs und bewegen uns nun auf 750 m Höhe. Jetzt steigt der Weg stetig und findet bei gut 25 KM seinen vorläufigen Höhepunkt mit 916 m am Großen Inselberg. Diese Etappe war bis jetzt die härteste. Hier mußte ich zwei Gehpausen einlegen, um Kräfte zu sparen. Hier sorgte auch Petrus immer wieder mal für eine Erfrischung von oben. Noch steiler als der Anstieg ist der Abstieg vom Großen Inselberg, in kleinen Trippelschritten vorsichtig abwärts - bloß nicht umknicken ! Jetzt haben wir schon 1/3 geschafft ! Nach weiteren 2 KM erreichen wir den nächsten Versorgungspunkt. Da mir der vorherige kulinarisch keine Probleme bereitet hat, wähle ich dieses Mal 2mal Mettwurstbrot mit 2 Bechern Haferschleim und 1mal Tee. Wir sind jetzt ca. 3,5 Std. unterwegs. Die kurze Rast tut gut, aber es fällt schon ein wenig schwer, wieder in Tritt zu kommen. Nach 5 Min. jedoch bin ich wieder im alten Trott. 30 KM - 3:43 Std. - hier steigt und fällt die Strecke, wir bleiben aber immer auf ca. 700 m Höhe. Ab jetzt überholen wir vermehrt Wanderer auf ihrer 35 KM - Tour von Schnepfenberg nach Oberhof. Der nächste Versorgungspunkt liegt genau auf der Hälfte der Strecke in einem Kessel. Die Buden stehen im Halbkreis. Hier gibt es den berühmten mit Blaubeeren versetzten Haferschleim. Zusätzlich werden Heißwürste gereicht. Die ganze Sache wird erstmal fotografiert (mal sehen, ob wir das nicht dem TSVE als Verbesserungsvorschlag einreichen können, wie Verpflegungsstellen beim "Hermann" aussehen sollten). Nach dem Essen sollst du ruhen oder 1000 Schritte tun ! Notgedrungen mache ich letzteres, denn die Strecke steigt sofort wieder an. Es geht zunächst durch Waldgebiet. Kaum sind wir wieder auf freier Strecke, öffnet der Himmel erneut seine Schleusen. 40 KM - 4:56 Std. - für die letzten 5 KM haben wir 39 Min. benötigt. Als ich das letzte Mal so lange unterwegs war, beim diesjährigen Bad Salzuflen - Marathon, war ich ziemlich fertig. Hier und heute fühle ich mich dagegen "topfit". Klar, ich merke, daß ich was getan habe und links werde ich mir eine Blase laufen, aber so, wie es bisher gelaufen ist, stehen die Chancen, das Ding durchzulaufen, ganz gut. Wir laufen jetzt auf 800 m hoch und bleiben in diesem Bereich für eine lange Zeit. Bei KM 45 stehen die nächsten Buden - 1mal Schleim, 1mal Tee, 2 Schmalzbrote eingesammelt. Ab jetzt muß ich mich gehenderweise verpflegen. Ich spüre, daß zu langes Verweilen mich aus dem Tritt bringt. Für die letzten 5 KM habe ich schon fast 42 Min. gebraucht. Dieses Teilstück war für mich, zurückblickend, am schwersten. Das erste Mal kommen leise Zweifel, ob ich das Ganze durchstehen werde. Doch mit der endlich durchbrechenden Sonne und deren wohltuenden Wärme steigt die Stimmung wieder. Neue Hoffnung kommt außerdem durch die Tatsache, daß wir seit einiger Zeit nicht nur Wanderer, sondern auch Läufer überholen- langsam, aber stetig. Das 50 KM - Schild passieren wir bei 6:14:27 Std.. Ein Wanderer fotografiert uns freundlicherweise. 2/3 sind geschafft ! So lange und so weit bin ich bisher noch nie gelaufen. Ab jetzt freue ich mich auf jedes neue Schild. Es läuft wieder etwas runder. Bei herrlichem Sonnenschein überqueren wir die Zeitkontrolle am Versorgungspunkt "Grenzadler". Hier stärke ich mich mit 2mal Suppe, 2mal Schmalzbrot und 2mal Tee. Wenig später, bei KM 55, steigt die Strecke auf 850 m an. Ein Blick auf die Uhr zeigt 6:53 Std. Jetzt liegen noch gut 20 KM vor uns, für die ich mir noch 3 Std. Zeit lassen kann, um mein selbstgestecktes Ziel von 10 Std. zu schaffen. Nach dem Anstieg laufen wir an Oberhof vorbei, hier sind die Wanderer am Ziel. Schlagartig wird die Strecke leerer. Ab KM 60 - steigt der Weg wieder an. 7:35 Std. sind vorbei. Von einigen Gehpausen unterbrochen, geht der Lauf jetzt direkt zu seinem geographischen Höhepunkt, dem Großen Beerberg mit 982 m. Aber bevor wir dort sind, gibt es noch vor der nächsten Getränkestation eine Extraerfrischung in Form eines Hagelschauers, der kurze Zeit später in heftigen Regen mündet. Das kann uns aber jetzt auch nicht mehr entmutigen. Irgendwann muß ja die Anzeige KM 65 kommen. An diesem Schild zeigt die Uhr 8:20 Std. an. Kurz darauf kommt der letzte Verpflegungsstand vor dem Ziel. Hier reichen mir je 1 Becher Cola und Tee. Inzwischen hat sich auch wieder die Sonne durchgesetzt. So werden wir zumindest von oben erwärmt. Von unten sieht es katastrophal aus, weil der häufige Regen den Weg zu einer echten Cross-Strecke gemacht hat. Auf diesem Teilstück wird es noch einmal richtig hart. Es geht zwar abwärts, jedoch müßte man fliegen können, um keine nassen Füße zu bekommen. Jetzt spüre ich rechts und links Blasen an den Fersen. Auch wenn die Landschaft immer noch schön, z.T. sogar malerisch ist, kann ich mich nicht mehr so recht daran erfreuen. Als wir die 70 KM - Tafel passieren, sind genau 9 Std. seit dem Start vergangen. Und wenn ich jetzt barfuß laufen müßte, so wäre das kein Thema. Weiter geht es stetig abwärts. Hier oberhalb von Schmiedefeld ist die Geräuschkulisse vom Zielbereich zu hören. Bei KM 73 kommt nochmal ein kleiner Anstieg, den wir jedoch scheinbar mühelos bewältigen. Zwei Verfolger, die bergab an uns herangekommen waren, haben am Anstieg leider nichts mehr zuzusetzen. Hier zahlt sich wohl unser Training im Teuto aus. 1 KM vor dem Ziel steht unser größter Fan aus Thüringen an einem Gartenzaun und applaudiert. Der junge vollbärtige Mann mit Baskenmütze war uns an 6 verschiedenen Stellen während unseres Laufes aufgefallen als beifallspendender Zuschauer. Da darf man sich dann ruhig Zeit für ein Abschiedsfoto nehmen. Dann geht es halbwegs locker dem Ziel entgegen, das wir schneller erreichen, als wir glauben. Ehe wir uns versehen, befinden wir uns im Zieleinlauf. Der uns empfangende Applaus wird langsam heftiger und mündet plötzlich in riesigen Jubel, als unsere bereits eingetroffenen Lauffreunde uns entdecken. Ein unbeschreibliches Gefühl - eine kleine Gruppe netter Gleichgesinnter jubelt dermaßen, daß mir fast die Tränen in die Augen schießen. Gott sei Dank bin ich noch nicht im Ziel und darf daher schnell Reißaus nehmen. Im Ziel habe ich mich wieder gefangen. Der Rest Emotionen wird erstmal bei Umarmungen erstickt. Nach 9,5 Std. hat auch die Uhr Feierabend. Natürlich bin ich froh, eine so lange Strecke geschafft zu haben. Wie groß die Leistung wirklich war, können andere vermutlich besser einschätzen. Auf jeden Fall war dies bisher der schönste Landschaftslauf und mit Martin hatte ich nicht nur einen excellenten Begleiter, sondern unterwegs auch jede Menge Spaß. Und das hat die ganze Sache bestimmt wesentlich erleichtert. Vorsorge für den nächsten Ultralauf - - Fersen hinten vorsorglich abkleben - Brustwarzen abkleben statt einfetten - Abnehmen ! Abnehmen ! Abnehmen !-

Gisbert B.

 
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